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Offener Brief an das Rektorat, den Senat und den Universitätsrat der Universität Wien zum Umgang der Universität mit Bedrohungen

Offener Brief an das Rektorat, den Senat und den Universitätsrat der Universität Wien zum Umgang der Universität mit Bedrohungen

Vor zwei Wochen wurde durch die Medien bekannt, dass ein Student an der Fakultät für Physik eine
halbgeladene Schusswaffe in einen vollen Hörsaal mitgenommen hatte - eine schockierende Nachricht.
Nach und nach kamen immer mehr erschreckende Details ans Licht: Etwa, dass dieser auf Twitter
mehrere rassistische und besonders antimuslimische Tweets veröffentlicht hat, teils mit
Gewaltphantasien versehen. Oder dass er nicht zum ersten Mal mit einer Waffe auf der Uni gewesen
war. Der Umgang der Universität Wien mit diesem Vorfall macht uns wütend und deshalb wollen wir
hiermit darauf aufmerksam machen.

Das Bedrohungsmanagement, das Rektorat und das Dekanat der Fakultät für Physik wussten fast eine
ganze Woche vor der Öffentlichkeit Bescheid. Trotzdem wurde dem Mann erst ein Hausverbot (an der
Fakultät für Physik bis Februar 2020) erteilt, nachdem er ein zweites Mal nachweislich gegen diese
verstieß – am selben Tag, als die Medien von dem ersten Vorfall berichteten. Wir fragen uns: Warum
wurde die Mitnahme einer halbgeladenen Waffe an die Universität nicht als schwerwiegend genug
empfunden, um dem Studenten ein sofortiges Hausverbot auszusprechen? Hier wurde eine Gefahr für
die Student_innen der Universität Wien bewusst in Kauf genommen.

Eine angemessene Kommunikation mit den Student_innen oder der Hochschüler_innenschaft an der
Universität Wien (ÖH Uni Wien) blieb aus. Erst nach intensiven Bemühungen konnte die
Studienvertretung Physik “Roter Vektor” erreichen, dass den Student_innen der Fakultät für Physik per
E-Mail zumindest beratende Anlaufstellen empfohlen wurden. Die ÖH Uni Wien hat auf verschiedenen
Ebenen versucht, Informationen von der Universität Wien zu erhalten. Was wir uns dabei anhören
mussten, war untragbar: Eine Bedrohung gehe von dem Studenten nicht aus, die Angst der
Student_innen vor einer rassistisch insbesondere antimuslimisch motivierten Gewalttat sei nicht
verständlich und überhaupt habe der betreffende Student sowieso Hausverbot (an der Fakultät für
Physik). Dass sich Student_innen an anderen Standorten, wie zum Beispiel der islamischen Theologie,
der Orientalistik oder der Judaistik, auch nicht mehr sicher fühlen, war nicht zu verdeutlichen, da der
Mann ja nur Physik studiere und seine Tweets schon ein Jahr alt seien, was den antimuslimischen
Rassismus und die Gewaltphantasien zu legitimieren scheint. Hilfe für von (antimuslimischen)
Rassismus betroffene Student_innen zu stellen sei deshalb nicht notwendig. Diese Einschätzung ist für
uns absolut nicht nachvollziehbar und widerspricht den Forderungen der betroffenen Student_innen.
Eine Woche später sprach das Rektorat der Universität Wien dann plötzlich, still und heimlich, ein
Hausverbot an allen Standorten und bis September 2020 aus (ein Hausverbot ist laut Hausordnung
zeitlich befristet). Dass die Universität Wien den Fall öffentlich klein halten will, wundert uns nicht.
Dass sie die Student_innen mit ihrer Nicht-Kommunikation tagtäglich einer enormen Gefahr aussetzten,
kritisieren wir zutiefst!

Laut Homepage versteht sich das Bedrohungsmanagement der Uni Wien als präventive Stelle, die
“eingehende Meldungen objektiv und standardisiert auf ihre Relevanz hin überprüft, das Risiko beurteilt
und über die weitere Vorgehensweise entscheidet”. Entweder wurde also nicht objektiv beurteilt, die
Relevanz nicht erkannt, das Risiko komplett falsch eingeschätzt oder eine völlig absurde
Vorgehensweise entschieden.

Wir fordern eine lückenlose Aufklärung und Veröffentlichung der Geschehnisse, eine Evaluation des
Bedrohungsmanagements und deren Mitglieder sowie eine Auseinandersetzung mit antimuslimischrassistischen
Bedrohungen und eine Überarbeitung der Hausordnung!

Wir fordern eine echte Unterstützung für Betroffene, das Ende der Entpolitisierung des Vorfalls und
eine Schulung für alle Universitätsangestellten und Sensibilisierung zu den Themen Rassismus
Sexismus und Faschismus!

Bis die Uni Wien endlich Verantwortung übernimmt, unterstützen wir weiterhin alle, die Hilfe brauchen
und wollen.

 

Österreichische Hochschüler_innenschaft an der Universität Wien