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„Aber eigentlich bist du ja …“

Autor_in: 
Lena Pöchtrager

Das ist ein Satz, den viele trans Frauen in dieser oder anderer Art schon oft gehört haben. Weiblichkeit ist leider viel zu oft fremdbestimmt. Mal ist es die vermeintlich das Geschlecht bestimmende Biologie, ein anderes Mal die Sozialisation. Oder auch einfach Geschlechterrollen.

Ich möchte vorwegnehmen, dass ich hier aus meiner Sicht als binäre trans Frau schreibe. Manches davon wird auch transfeminine Menschen betreffen.1 Ich kann und will aber nicht für alle sprechen. Einleiten werde ich jeweils mit Fragen und Unterstellungen, die ich oder andere so erlebt haben, und diese dann ‚beantworten‘. Ich weise als Content-/Triggerwarnung darauf hin, dass diese oft cissexistischer/transfeindlicher Natur sind.

Was ist eigentlich ‚echte‘ oder ‚authentische‘ Weiblichkeit? Muss mensch cisnormative biologische Merkmale aufweisen? Muss die ‚richtige‘ Sozialisation erfolgt sein? Muss ich mich gar normativen Geschlechterrollen unterwerfen, um als ‚richtig‘ weiblich gelesen, akzeptiert oder respektiert zu werden?

Geschlechterrollen/Repräsentation

„Also eine echte Feministin bist du nicht, wenn du dieses Gewand trägst und so viel Make-up benutzt – du fetischisierst ja bloß das Frausein“ vs. „Wenn du keine weibliche Kleidung tragen willst, wieso willst du dann Frau sein?“

Warum habe ich gerade diesen ersten Satz hier gewählt? Ich bezeichne mich selbst als Feministin. Für mich bedeutet das (in diesem Kontext) unter anderem, dass ich Frau sein kann, wie ich mich wohlfühle. Leider gibt es auch innerhalb feministischer Kreise die veraltete Vorstellung des ‚einen richtigen Feminismus‘. Und diese Vorstellung hat meiner Erfahrung nach besonders auf trans Frauen/transfeminine Personen Auswirkungen. Gemeint ist hier die Annahme, dass sich patriarchalen Schönheitsidealen unterworfen und dies als Fetischisierung des Frauseins interpretiert wird – womit implizit die Weiblichkeit abgesprochen wird.

Der Vorwurf, keine oder nicht immer die scheinbar angemessene weibliche* Kleidung tragen zu wollen, ist eher von anderen Gruppen zu hören. Meistens von Menschen, die eine strikte Rollentrennung fordern und Geschlecht u. a. stark mit entsprechender Kleidung verbinden.
Wenn sich eine cis Frau in lockeren Hosen und Pulli kleidet, wird ihr gerne das Label ,Tomboy‘ gegeben. Bei einer trans Frau hingegen ist dies für manche Leute ein Grund, ihr die Weiblichkeit abzusprechen. Sie will ja keine Kleider tragen – wozu sich also Frau nennen?

Vorwürfe dieser Art gibt es aber nicht nur von cis Menschen. Nicht selten kommen diese auch aus der trans Community oder von anderen trans Menschen. „Was regst du dich auf, wenn du nicht als Frau gelesen wirst? Du trägst ja nur Hosen und Hoodies.“ Ich war anfangs sehr verwundert, als ich solche Dinge in trans Foren las oder von Freund_innen erzählt bekam. Sollten trans Leute nicht wissen, dass Kleidung nicht Geschlecht bedingt oder bestimmt? Internalisierte/r Trans-Hass/Transfeindlichkeit (gemeinhin Transphobie genannt – leider ein ableistischer Begriff) und Transmisogynie sind leider gang und gäbe. Auch das gesellschaftliche Bild von ‚Frau‘ (weiß, schlank, hübsch, gut gekleidet) kann vor allem auf trans Frauen einen besonderen Druck ausüben. Allzu oft habe ich schon Vorwürfe – vor allem von anderen trans Menschen – gelesen und gehört, dass mensch sich doch wenigstens Mühe geben solle, ‚authentisch‘ auszusehen, um nicht das Ansehen derer zu beschmutzen, die sich ‚bemühen‘ (oft fällt hier der Vorwurf, mensch würde von anderen Leuten als ‚Mann im Kleid‘ gesehen werden).

Zusammenfassend kann ich dazu sagen, dass Kleidung und Repräsentation keinen Einfluss darauf haben, was ich bin. Sehr wohl natürlich darauf, wie ich gelesen werde. Strikt binäres Rollendenken ist leider nach wie vor stark präsent und erschwert vielen Menschen das Leben. Kleidung hat kein Geschlecht – es wird ihr aber eines zugeschrieben. Genauso wie den Menschen, die sie tragen.

Biologie/Körper

„Wieso willst du eigentlich Frau sein, wenn du ‚die OP‘ nicht willst? Das geht doch gar nicht!“ – „Echte Frauen haben keinen Penis“ – „Nur mit XX-Chromosomen bist du eine natürliche Frau!“.

Körper sind in unserer Gesellschaft stark normiert. Das betrifft Schönheitsmerkmale (welche sowohl Cis- als auch trans Menschen betreffen), wie auch cisnormative Erwartungen an den Körper, die oft bis ins kleinste Detail gehen.
Die Ansicht, dass eine ‚echte‘ Frau zumindest Brüste und eine Vagina haben muss, ist weit verbreitet. In der Realität ist es aber so, dass manche Frauen Brüste haben und manche nicht. Und das muss nicht einmal etwas mit trans zu tun haben. Eine cis Frau, die eine Mastektomie hatte, verliert dadurch nicht ihre Weiblichkeit (was aber nicht heißen soll, dass es hier nicht auch gewisse Zuschreibungen oder Absprechungen gibt, wie sie auch in diesem Beitrag beschrieben werden).
Als trans Frau, die Hormone nimmt, habe ich Brüste. Somit erfülle ich zumindest schon mal einen Teil der ‚Forderungen‘. Was aber ist mit trans Frauen, die einen Penis haben (und keine geschlechtsangleichende Operation wollen)? Soll ihnen deswegen ihr Frausein abgesprochen werden? Sind sie deswegen weniger weiblich? Ich beantworte diese Fragen mit einem klaren Nein und gehe auch so ‚weit‘, meinen gesamten Körper als weiblich zu bezeichnen. Ich definiere meinen Körper über meine Identität und nicht über veraltete normative Regeln, die besagen, dass ich bestimmte Chromosomen, Hormone und Geschlechtsmerkmale aufweisen muss.2 Sehr gerne wird ‚natürliche‘ Weiblichkeit auch mit Gebärfähigkeit begründet. „Eine echte Frau kann Kinder kriegen.“ Aber was ist mit post-menopausalen Frauen – ‚verlieren‘ diese ihre Weiblichkeit? Es gibt auch gebärfähige trans Männer – sind diese dann Frauen? (Hint: Nein).

Für die (Geschlechts-)Identität zählt nicht nur der Körper, sondern vor allem, wie sich eine Person definiert und wie sie sich identifiziert. Menschen können ihre Weiblichkeit über Brüste definieren, müssen das aber nicht. Manche Frauen haben einen Bart, manche nicht. Weiblichkeit kennt auch bei primären Geschlechtsmerkmalen keine Grenzen. Ein Penis kann genauso weiblich sein wie eine Vagina männlich sein kann.

Sozialisation

„Nur echte Frauen wissen, was Frau sein wirklich bedeutet, du bist ja ganz anders erzogen worden.“ – „Na ja, immerhin hast du früher immer von den männlichen Privilegien profitiert.“

Ein weiterer Punkt, neben der Biologie, der vor allem bei TERFs (trans-exclusionary radical feminists) beliebt ist.
Unsere Erziehung wirkt sich natürlich auf uns aus. Daraus aber auf eine vermeintlich ‚echte‘ Weiblichkeit schließen zu wollen, ist meiner Meinung nach zu kurz gedacht. Alle Menschen werden unterschiedlich sozialisiert. Es gibt Unterschiede und Gemeinsamkeiten je nach Generation, Herkunft, sozialer Schicht, (vermeintlichem) Geschlecht und vielem mehr. Ein intersektionaler Zugang zu diesem Thema ermöglicht uns zu sehen, dass Weiblichkeiten sehr verschieden sein können und es ‚die‘ Weiblichkeit nicht gibt.

Je nachdem wie ich gelesen werde, werde ich anders behandelt und habe somit gegebenenfalls vermeintliche Privilegien. Ist es wirklich male privilege, wenn ich als trans Frau als Mann gelesen werde? Wenn mir damit oft meine Identität abgesprochen wird und ich möglicherweise Gewalt ausgesetzt bin? Sollte nicht eher zählen, was jetzt Realität ist und nicht, was ich früher angeblich hatte? Denn wenn ich als Frau gelesen werde, habe ich mit denselben Zwängen und Nachteilen zu kämpfen wie andere Frauen.

Ausschlüsse

In Hinblick auf den 8. März (Internationaler Frauen*tag3) und manche Demonstrationen rund um dieses Datum gibt es unter anderem in Wien jedes Jahr wieder Diskussionen (oder besser gesagt Monologe), ob trans, inter und nonbinary Menschen an diesen teilnehmen ‚dürfen‘. Die ‚Argumentation‘ für einen Ausschluss dieser Personen stützt sich dabei auf biologistische Zuschreibungen und Sozialisation. Eine Organisation, die so arbeitet, kann ich nur als cissexistisch und transfeindlich, somit auch frauenfeindlich bezeichnen. Sehr ironisch, wenn mensch bedenkt, dass es eigentlich um einen Kampf gegen Sexismus gehen sollte.

Es gibt keine ‚echte‘ oder ‚authentische‘ Weiblichkeit. Geschlechterrollen, Körper, Sozialisation(en) bestimmen vor allem eines: wie andere Menschen uns einordnen, uns Weiblichkeit zu- oder absprechen. Ich schließe ab mit den Worten zweier Menschen, die mit ihrer Kunst dazu anregen, über Vorstellungen von Geschlecht und Weiblichkeiten nachzudenken: „If we say that we are women, then we are. If we say that we are femme, then we are.4

 

 

1 ‚Binär‘ meint hier, dass ich mich ausschließlich als Frau identifiziere. Es gibt aber auch Menschen, die sich abseits des weitverbreiteten Binärsystems identifizieren und/oder sich nicht klar zuordnen lassen wollen.

2 Ainsworth, Claire (2015): Sex redefined: http://www.nature.com/news/sex-redefined-1.16943

3 Ich verwende hier ,Frauen*‘, um auch nonbinary, agender und andere Weiblichkeiten zu berücksichtigen.

4 DarkMatter Poetry https://www.facebook.com/darkmatterpoetry/posts/808669662547286