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Brauchen wir alle ein Geschlecht?

Autor_in: 
Maria Clar

BRAUCHEN WIR ALLE EIN GESCHLECHT? Maria Clar

Egal ob Fragebögen ausgefüllt werden, im Web ein Profil erstellt wird, ein Pass ausgestellt wird oder eine Mail mit Begrüßung ausgeschickt wird – es wird immer eine Frage gestellt: Mann oder Frau?

Genau diese tradierte und festgefahrene Vorstellung von zwei Geschlechtern macht es schwer, sich nicht zuzuordnen bzw. nicht zuordnen zu lassen. Allerdings gibt es mehr als zwei Geschlechter – das ist mittlerweile ein nachgewiesener Forschungsstand, nicht nur in den Sozial- und Geisteswissenschaften, sondern auch in den Naturwissenschaften. Das hervorzuheben ist insofern wichtig, da sonst sofort mit „ja, in der Theorie ...“ reagiert wird. Aber es geht eben nicht ‚nur‘ um die Theorie. Es geht um eine gesellschaftliche Praxis, welche Menschen diskriminiert und ihnen vielfach auch Schaden zufügt.

Gerade die Pathologisierung von intersexuellen Menschen, welche nicht in ein zweigeschlechtliches Bild passen, zerstört sehr viel. Im Kleinkindalter werden oft operative Eingriffe durchgeführt, oder es wird mit Hormonbehandlungen versucht, Menschen in eine Kategorie hineinzuzwingen, um sie so an die gesellschaftlichen Vorstellungen anzupassen. Über die Auswirkungen für die Betroffenen dieser Diskriminierung wird wenig geredet oder nachgedacht. Warum? Eine Reflexion und offene Diskussion darüber würde bedeuten, sich mit der eigenen Geschlechtlichkeit auseinanderzusetzen. Und das könnte das Weltbild der meisten durcheinanderbringen. Wie schwer tun sich Menschen, wenn sie auf Leute treffen, die nicht auf den ersten Blick einem der zwei vorrangigen Geschlechter zuzuordnen sind. Das verwirrt. Also bleiben wir lieber bei den tradierten und sozialisierten Vorstellungen von zwei Geschlechtern. Das haben wir gelernt und das kennen wir. Alles andere könnte ja anstrengend sein. Aber wie anstrengend es ist, nicht in Normen und Vorstellungen zu passen und damit nicht gleichwertiger Teil der Gesellschaft zu sein, sich darüber hinaus unterordnen und medizinische Eingriffe erdulden zu müssen, die nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche beeinträchtigen können, darüber wird lieber nicht geredet.

Vorstellungen über Sexualität

Diese Problematik spiegelt sich auch in hegemonialen Vorstellungen über Sexualität wider. Zumeist beschränken sich diese auf ein Bild von einer jungen Frau und einem jungen Mann. Ausgeschlossen werden dabei Nicht-Männer und Nicht-Frauen, alte Menschen, gleichgeschlechtlicher Sex, ... Die Selbstbeschränkung bei einer Thematik, die so viele Möglichkeiten bieten kann, ist unverständlich. Kann dies wirklich mit Sicherheit argumentiert werden? Macht es nicht viel unsicherer, nicht in vorgegebene und angelernte Schemen zu passen bzw. passen zu können? Warum braucht eins gerade bei einem doch recht persönlichen Thema dermaßen vorgegebene Kategorien?

Eigene (Geschlechts-)Identität wird darüber (re-)produziert, wie eins sich in gesellschaftlichen Strukturen bewegen kann. Darüber hinaus zu denken bedeutet, diese in Frage zustellen. Die Schwierigkeit, dies durchzuführen und aus gegebenen Überlegungen auszubrechen, wäre eine eventuelle Erklärung für das repressive Vorgehen gegen andere Formen von Geschlecht.

„Brauchen wir wirklich ein wahres Geschlecht?“

Foucaults Frage „Brauchen wir wirklich ein wahres Geschlecht?“ lässt sich unter gegebenen Umständen nur schwer beantworten. Dafür bräuchte es endlich ein Aufbrechen der binären Geschlechterkonstruktion, der Heteronormativität und des eingeschränkten Denkens über Geschlecht und Sexualität. Zudem wäre es wichtig Intersexualität nicht als ‚abnormal‘ oder ‚krankhaft‘ zu betiteln und eine gesellschaftliche Offenheit gegenüber verschiedenen Geschlechtsidentitäten zu entwickeln bzw. auch zuzulassen, wenn eins sich keiner unterordnen lassen möchte. Dafür müsste Intersexualität miteinbezogen werden – in öffentlichen Diskussionen, in der Medizin, in der Sprache und besonders im Recht.