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Mythos Halbsprachigkeit

Autor_in: 
Kübra Atasoy

Von der Mär, mehrsprachige- Kinder würden durchwegs -Gefahr laufen, keine ihrer Sprachen -,adäquat‘ zu beherrschen.

Nils Erik Hansegård führte den Begriff der Halbsprachigkeit erstmals 1968 ein. Halbsprachigkeit (oft auch ,doppelte‘ Halbsprachigkeit oder Semilingualismus) bezeichnet das angeblich weit verbreitete Phänomen, Menschen, die zwei- oder mehrsprachig aufwachsen, würden weder ihre Erst- oder Herkunftssprache noch die Zweitsprache ausreichend beherrschen.

Beobachtet wurde dies anhand des Sprachgebrauchs der finnisch-sprachigen Minderheit in Schweden, deren Kompetenz in beiden Sprachen für defizitär erklärt wurde.

Sechs Faktoren indizieren nach Hansegård Halbsprachigkeit: 1.) Größe des Vokabulars, 2.) Korrektheit der Sprache, 3.) Grad des Automatismus, 4.) Bildung von Neologismen1, 5.) das Meistern der Sprachfunktionen, 6.) Bedeutung und Vorstellung.2

Das österreichische Institut für Familienforschung findet: „Halbsprachigkeit bedeutet konkret, dass z. B. in beiden Sprachen abstraktere Begriffe wie ,links/rechts‘ oder Grundfarben nicht beherrscht oder komplexere Satzstrukturen nicht verstanden werden. Liegt Halbsprachigkeit erst einmal vor, ist sie nur sehr schwierig und mit großem pädagogischen Aufwand zu überwinden.“ 3

Warum dieser Ansatz abzulehnen ist, soll im Folgenden erläutert werden. Denn zum einen reiht sich Halbsprachigkeit in die Bernstein’sche Defizittheorie ein, die in den 1970er Jahren den Sprachgebrauch niedrigerer sozialer Schichten als defizitär und restringiert betrachtet und somit diesen Schichten auch weniger entwickelte kognitive Fähigkeiten zusprach.4

Zum anderen liegt diesem Begriff eine sehr normative Perspektive auf Sprache und Sprachgebrauch zugrunde, die gerade von der Linguistik, die sich in weiten Teilen als deskriptive Disziplin versteht, stark abgelehnt wurde. Außerdem verdrängen alle Wissenschaftler*innen, die an Halbsprachigkeit forschen, die Realitäten bilingualen Spracherwerbs und -gebrauchs. So ist die Vorstellung von bilingualen Sprecher*innen als doppelt Einsprachige (deshalb auch ,doppelte‘ Halbsprachigkeit) weiterhin verbreitet, was wissenschaftliche Erkenntnisse und jahrzehntelange Arbeit negiert.

Alle Argumente für die Existenz der so genannten ‚Halbsprachigkeit‘ lassen sich besonders unter Beachtung der Faktoren bilingualen Spracherwerbs leicht widerlegen.

Testmethoden

Problematisch sind zunächst einmal die Testmethoden, mit denen Sprache beobachtet und eingestuft wird. Für die Erhebung der Sprachkompetenz gibt es verschiedene Sprachstandstests, nach denen Sprecher_innen (meist Kinder im Schulalter) eingestuft werden können. Diese Tests weisen jedoch oft vielfältige Mängel auf.5 Berühmt ist das Beispiel einer Testsituation, in der Bernstein fragt: „Wo ist das Buch?“. Kinder, die in einem vollständigen Satz antworten wie „Das Buch liegt auf dem Tisch.“ ordnet er einem elaborierten Sprachgebrauch zu. Kinder, die mit Hinzeigen und „Hier!“ antworten, hätten, obwohl genauso ,korrekt‘ und verständlich, einen defizitären Sprachgebrauch.6 Andererseits stellt sich auch immer die Frage, wessen Sprache getestet wird. Die Beobachtung, dass eher akademische Register des Deutschen als Norm für eine deutsche Standardsprache angenommen werden, drängt sich auf.7

Größe des Vokabulars

Sprecher*innen aller Sprachen verfügen über verschiedene Register, auf die sie nach Belieben zugreifen können. Eine Mechanikerin* verfügt z.  B. über ein großes Fachvokabular, das viele andere Menschen vermutlich gar nicht kennen. Die Größe des Vokabulars zu messen ist daher von Natur aus ein schwieriges Unterfangen, stellt sich doch auch die Frage, wie dies geprüft werden soll und – sollte dies überhaupt möglich sein – welche Aussagen damit getroffen werden können.

Die meisten Menschen sprechen zusätzlich zu der in der Schule erlernten Standardsprache einen Dialekt oder Soziolekt, was in ein weiteres Vokabular einführt. Wie politisch die Entscheidung der Grenzziehung zwischen Dialekt und Sprache ist, zeigt beispielsweise die Trennung in Bosnisch, Kroatisch und Serbisch nach dem Zerfall Jugoslawiens. Alle Menschen verwenden für verschiedene Situationen unterschiedliche Sprachen und das verwendete Vokabular wird oftmals an die jeweiligen Sprechsituationen angepasst. In keiner Sprache werden wir vollkommen Zugang zu allen Wörtern haben. So haben bilinguale Sprecher_innen nicht in jeder Sprache exakt das gleiche Vokabular; quantitativ gesehen ist ihr Vokabular in den meisten Fällen dennoch größer als das monolingualer Sprecher_innen. Die Möglichkeit, ein bestimmten Sprachschatz zu erwerben, ist aber auf keinen Fall eingeschränkt.

Korrektheit der Sprache

Auch ein akademischer Sprachgebrauch ist nur ein Register und sollte nicht als ideale Sprache angesehen werden. In der Linguistik spielen Intuition und Sprachbeschreibung eine große Rolle. Es ergibt daher mehr Sinn, eine Sprache nach ihrer Verständlichkeit zu beurteilen, als Aussagen über ihre Korrektheit zu treffen. So sind Sätze mit vielfacher Rekursion in Schachtelsätzen zwar vielleicht grammatikalisch ,korrekt‘, aber noch lange nicht akzeptabel. Z. B. ist die Angewohnheit, in langen Sätzen zu antworten, ein Phänomen bildungsbürgerlicher Erziehung, das in der Schule erwartet wird, worauf aber Kinder aus bildungsfernen Schichten nicht vorbereitet werden. Das gilt auch für viele Kinder mit Migrationshintergrund, deren Familien- sie beim Erwerb des bildungsbürgerlichen Registers oft nicht unterstützen können. Das macht ihre Sprache nicht mehr und auch nicht weniger ,korrekt‘.

Grad des Automatismus

Dieser Ausdruck meint die natürliche, automatische Prozessierung der Sprache. Das bedeutet, dass Sprecher_innen linguistische Regeln anwenden können, also ob die Sprecher_innen automatisch flektieren oder einen Plural anwenden können.

Hier wird vielfach eine schriftsprachliche Kompetenz abgefragt, die sich zum Zeitpunkt der Tests bei Kindern noch in einer Entwicklungsphase befindet.

Bildung von Neologismen

Ein Blick auf den bilingualen Sprachgebrauch zeigt, dass dieser von verschiedenen Faktoren geprägt ist. In den seltensten Fällen kann mensch auf alle Register, die in einer Sprache verwendet werden, auch in der anderen zugreifen. Der Schwerpunkt, welche Sprache häufiger verwendet wird, verändert sich auch mit der Zeit. Ein besonderes Merkmal ist zudem das Code-Switching, bei dem, oft mitten im Satz, zwischen verschiedenen Sprachen gewechselt wird.

Die Forschung zum ,Kiezdeutschen‘ zeigt, dass Neologismen Zeichen sprachlicher Entwicklung sind. Die Idee, Neukreationen seien ein Defizit, entspricht einem konservativen Weltbild und hat rein gar nichts mit der Realität von Sprache zu tun.

Meistern der Sprachfunktionen und Bedeutung und Vorstellung

Hier geht es darum, dass Sprecher_innen in der Lage sein sollen, alle Funktionen ihrer Sprache zu verwenden. Dies unterstütze nach Jim Cummins, einem führenden Vertreter der Halbsprachigkeitsthese, eine kognitive und emotive Entwicklung. Diese Annahme ist jedoch leicht hinterzufragen: Denn Tests, die eine Schriftsprache überprüfen, können keine valide Aussage über die kognitiven Fähigkeiten eines Kindes treffen. So ist auch die Idee, dass kognitive Entwicklung direkt von linguistischer abhängt, schwer belegbar und kontrovers.8

Außerdem werden die spezifischen Umstände der Testsituation im Testverfahren nicht berücksichtigt.9 Es kann einem Kind schwerfallen, in der Prüfungssituation, vor einer fremden Person oder in einer jeweiligen Sprache etwas auszudrücken. Ein Kind mag diesen Test nicht bestehen, doch daraus zu schließen, seine kognitive Entwicklung sei eingeschränkt, ist ein höchst einseitiger Zugang.

Bilingualismus als Problem

Der größte Mangel der These der ‚Halbsprachigkeit‘ dürfte aber die fehlende empirische Evidenz sein. Schon früh nach Aufkommen des Begriffs hat B. Loman (1974) nach Beweisen für diese These gesucht und wurde nicht fündig. Zusätzlich gibt es von Cummins widersprüchliche Aussagen über die Einstufung von Kindern bei diesen Tests. So hält er fest, dass es oberflächlich keine Probleme mit dem Spracherwerb bzw. der Kompetenz der getesteten Kinder gibt. Er nennt dies surface fluency10 und hält abschließend fest, dass sich der Begriff nicht als linguistisches Werkzeug eignet11.

Auf einer politischen Ebene ist an dem Begriff zu kritisieren, dass er sozio-ökonomische Faktoren komplett ausblendet und – noch schlimmer – diese als linguistische Defizite tarnt. Das trägt zu einer komplett unbegründeten Problematisierung des Bilingualismus bei. Vor dem Hintergrund, dass der Großteil dieser Welt zumindest bilingual ist, wirkt die Pathologisierung der Mehrsprachigkeit völlig absurd. Denn Mehrsprachigkeit ist die Norm, Einsprachigkeit die Ausnahme. Die Schlussfolgerung sollte also sein, allen Kindern durch wirklich fördernden Sprachunterricht und die Anerkennung ihrer Lebensrealitäten eine tatsächliche Partizipation in der Gesellschaft zu ermöglichen.

 

Quellen:

1 Neologismen = sprachliche Neukreationen

2 Nils Erik Hansegård. Tvasprakighet eller halvsprakighet? med ett tillägg „De språliga minoriteterna av Thomas Lundén“ Aldus/Bonniers, Stockholm, 1968. 

3 http://www.oif.ac.at/service/zeitschrift_beziehungsweise/detail/?tx_ttne...

4 Basil Bernstein. Class, codes, and control. Vol. 4, The structuring of pedagogic discourse. Routledge, London; New York, 1971. 

5 Jeff MacSwan. The threshold hypothesis, semilingualism, and other contributions to a deficit view of linguistic minorities. Hispanic Journal of Behavioral Sciences, 22(1): 3–45, 2000.

6 Basil Bernstein. Class, codes, and control. Vol. 4, The structuring of pedagogic discourse. Routledge, London; New York, 1971.

7 Ingrid Gogolin / Wissenschaftliches Kolloquium. Migration und sprachliche Bildung. Waxmann, Münster 2005; Sara Fürstenau and European Cultural Foundation. Mehrsprachigkeit in Hamburg: Ergebnisse einer Sprachenerhebung an den Grundschulen in Hamburg. Waxmann, Münster; New York; München; Berlin, 2003. 

8 Marylin Martin-Jones and Suzanne Romaine. Semilingualism: A Half-Baked theory of communicative competence. Applied Linguistics, 7(1): 26–38, 1986 

9 Ebd.

10 Jim Cummins. Cognitive/academic language proficiency, linguistic interdependence, the optimum age question and some other matters. Working Papers in Bilingualism, 19: 197–205, 1979. 

11 Skutnabb-Kangas, Tove & Toukomaa, Pertti (1976). Teaching migrant children’s mother tongue and learning the language of the host country in the context of the sociocultural situation of the migrant family, Report written for Unesco. Tampere: University of Tampere, Dept of Sociology and Social Psychology, Research Reports 15, 99 p.