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Sylvia Rivera – Verstossene Stonewall-Veteranin

Autor_in: 
Hagen Blix

1973, Washington Square Park eine der ersten Gay Pride-Demonstrationen, eine Frau auf der Bühne und ein brüllender, buhender Demonstrationszug davor.

Auf der Bühne Rangeleien, die Latin@-Frau schreit zurück: „Y’all better quiet down!“. Auf dem Weg zur Bühne steckt sie Schläge ein;unten verteilt die Gruppe Lesbian Feminist Liberation Flyer, die Dragqueens wie Sylvia Rivera als ,Frauendarsteller‘ und frauenfeindliche Parodie verunglimpfen. Gegen die laute Menge ankämpfend schreit Sylvia und fragt nach Freund*innen sowie Aktivist*innen im Gefängnis, die von den Demonstrant*innen vergessen worden seien. Ruft ihnen entgegen, dass sie selbst im Gefängnis zusammengeschlagen und vergewaltigt worden ist. „And you all treat me this way? What the fuck’s wrong with you all?“1 Vier Jahre früher, zwei Straßen weiter, 27. Juni 1969. Im New Yorker Stadtteil Greenwich Village, Lower Manhattan, tanzt die gerade 17-jährige Sylvia Rivera im Stonewall Inn; einem Lokal, das sie später als eine Bar für weiße Mittelklasse-Männer bezeichnet, die dort junge Männer anderer ,Races‘ abschleppen konnten. 2 Als der Public Morals Squad des New York City Police Department ankommt, verbarrikadiert er die Türen. 200 Menschen sind eingesperrt der Normalfall. Menschen werden aufgereiht, kontrolliert, kategorisiert – „Faggots, Dykes, Freaks“3 –, willkürlich abgeführt und zusammengeschlagen. Draußen zwingt die Polizei Verhaftete in Vans. Anwohner*innen stehen daneben, im Viertel leben die Ausgeschlossensten: People of Color, Dragqueens, Drogenabhängige. Viele davon sind arbeitslos. Irgendjemand fängt an, Pennys auf die Polizei zu werfen, dann fliegen Flaschen und ein Molotowcocktail. Die Versammelten beginnen „We’re the pink panthers“ und „Gay power“ zu rufen – Analogien zur Black-Panther- Bewegung. Während die Polizisten sich 45 Minuten lang in der Bar verbarrikadieren und auf Verstärkung warten, versammeln sich mehr und mehr Menschen. Aus dem zehn Kilometer entfernten Harlem stoßen schwarze Sozialist*innen dazu. Irene Monroe erinnert sich daran, wie jemand angerannt kam: „The pigs across the bridge are beating up on black faggots – right now! […] The motherfuckers are taking to going after the weakest among us.“4 Um vier Uhr nachts haben Schwarze, Latin@s und obdachlose Queers die Polizei vertrieben,sich erfolgreich gewehrt – nicht das erste Mal, aber das erste Mal mit einer solchen Wirkung. Diese Nacht – und die folgenden sechs Nächte, in denen es Widerstand und Kämpfe mit der Polizei gibt – werden zum Symbol der Homosexuellen- Bewegung: 1969 existieren höchstens 50 Gruppen, 1970 bereits 1.500, in denen sich Homosexuelle organisieren.

Sylvia Rivera gründet mit anderen die sozialistische Gay Liberation Front (GLF), die erste Organisation, die das Wort ‚Gay, im Namen trägt. Auch bei der gemäßigteren Gay Activists Alliance (GAA) versucht sie sich zu engagieren. Als es um ein Antidiskriminierungsgesetz geht, verzichtet die GAA auf die Erwähnung von Transpersonen und Drags mit der Begründung, dies sei zu radikal. Sylvia stellt man bei Demonstrationen, wenn es gefährlich werden könnte, nach vorn. Ist die Presse anwesend, drängt man sie ab, stellt weiße Mittelklasse- Schwule nach vorn. Danach gründet Sylvia mit Freund*innen ihr eigenes Projekt, die Street Transvestite Action Revolutionaries (STAR). Sie verbinden Protestaktionen mit den Versuchen, jungen obdachlosen Queens zu helfen und sie vor Prostitution zu bewahren, in die viele aus ökonomischer Not gezwungen werden. Sie beginnen in einem verlassen umherstehenden Container, später mieten sie ein Haus in 213 East Second Street. Gleichzeitig ist Sylvia in antirassistischen Kämpfen aktiv, arbeitet unter anderem mit den puerto-ricanischen Young Lords und den Black Panthers zusammen; sie spricht später von dem Respekt, der ihnen dort entgegengebracht worden sei und davon, dass sie für den Anführer der Black Panther, Huey Newton, Revolutionär*innen gewesen seien.5

Nach den Ereignissen der Gay-Pride-Parade von 1973 versucht Sylvia, sich das Leben zu nehmen.Sie wird obdachlos, immer wieder drogenabhängig und verlässt schließlich die Bewegung. Das STAR-Haus wird geräumt, weil die Miete nicht mehr aufgebracht werden kann; weder GLF- noch GAA-Mitglieder hatten je helfen wollen. 1993 schreibt Martin Duberman das Buch Stonewall,in dem sechs Aktivist*innen der Stonewall Riots dargestellt werden – eine davon ist Sylvia Rivera. Er thematisiert hier den Rassismus und die Transphobie, denen Sylvia immer wieder von Seiten der konservativen und aus der Mittelklasse stammenden Teilen der Homosexuellen- Bewegung ausgesetzt war, sowie ihre wichtige Rolle in den Protesten. Zur gleichen Zeit wird die Transbewegung militanter und fordert Teilhabe am Emanzipationsprozess. Sylvia wird zu einem Symbol, das die frühe Rolle von Transfrauen in der Bewegung beweisen soll. Aus LGB (LesbianGayBi) wird LGBT (LesbianGayBiTrans). Der Rassismus, dem sie ebenso ausgesetzt war, wird kaum thematisiert, die Klassenunterschiede und die Obdachlosigkeit bleiben gleichfalls unerwähnt: Beim New York Gay and Lesbian Community Center erhält sie Mitte der 1990er Jahre Hausverbot – weil sie auf Grund des extrem kalten Winters gefordert hat, arme und obdachlose junge Queers of Color  House Collective, sie wird zu zahlreichen Veranstaltungen eingeladen, auch international. Sie lernt ihre Lebenspartnerin, Julia Murry, kennen.

2002 stirbt Sylvia Rivera an Leberkrebs. Zahllose Nachrufe werden veröffentlicht. Die Human Rights Campaign (HRC), deren Logo – ein Gleichheitszeichen in einem Quadrat – in der roten Variante zum Symbol für die Homoehe geworden ist und in letzter Zeit Facebook überflutete, spricht von ihr als „brave pioneer“ und ist „deeply saddened“. Transgender-Rechte interessieren die HRC aber auch heute nicht. Die Ehe als normatives Instrument, das Rechte und Pflichten schafft, soll auf bürgerliche weiße Männer ausgeweitet werden; in dem von der HRC vertretenen Employment Non-Discrimination
Act werden Transgender-Personen nicht erwähnt. Sylvia wird also wieder zum Symbol. Sie selbst hat Wochen vor ihrem Tod gesagt, eines ihrer Hauptziele sei, die HRC zu zerstören. Sie war es leid, am Ende der Stoßstange zu sitzen: „It’s not even the back of the bus anymore it’s the back of the bumper.

Anmerkungen:
1 http://vimeo.com/45479858
2 Gan, Jessi: „Still at the back of the bus“: Sylvia Rivera‘s Struggle. In Centro Journal XIX. 2007. Online verfügbar unter: http://www.redalyc.org/pdf/377/37719107. pdf
3 Ebd.
4 http://www.huffingtonpost.com/irene-monroe/dismembering-stonewall_b_1625...
5 http://www.workers.org/ww/1998/sylvia0702.php
6 Bronksi, Michael: Sylvia Rivera – 1951–2002. 2002. Online verfügbar unter: http://www.zcommunications. org/sylvia-rivera-1951-2002-by-michael-bronski.html