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Untergangster des Abendlandes

Autor_in: 
Thomas Mauerbach

Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‚Identitären‘

 

 

Der von Judith Goetz, Joseph Maria Sedlacek und Alexander Winkler herausgegebene Sammelband Untergangster des Abendlandeswidmet sich der sogenannten ‚Identitären Bewegung‘. Ideologie und Inszenierung dieser neofaschistischen Gruppe werden einer kritischen Analyse unterzogen. Dabei versteht sich der Band auch als Kritik an bisherigen Publikationen zu diesem Thema.

Gerahmt wird die große Bandbreite an Beiträgen von Brigitte Bailers und Andrea Röpkes Vorworten sowie einem Gedicht von Stefanie Sargnagel und Statements verschiedener gesellschaftlicher Akteur*innen dazu, wie Engagement gegen die ‚Identitären‘ in Theorie und Praxis aussehen kann.

Eine Reihe von Autor*innen widmet sich dem Verhältnis der ‚Identitären‘ zu historischen und gegenwärtigen Formen des Faschismus und Nationalsozialismus, im Speziellen historisch zur ‚Konservativen Revolution‘ sowie gegenwärtig zu ‚Djihadismus‘ und ‚Eurasismus‘. Alexander Winkler fasst die Kombination aus modernisierter Fassade und Rhetorik mit traditionell rechtsextremem Kern als „alten Wein in neuen Schläuchen“ zusammen. Heribert Schiedel stößt in seinem Vergleich von ‚identitärem‘ Rechtsextremismus und Islamismus auf große ideologische Übereinstimmungen und leitet aus diesen spannende Erkenntnisse über den Hass auf Muslime* und Muslimas* ab.

Des Weiteren werden Ideologien der Ungleichheit wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Nationalismus in Weltbild und Rhetorik der ‚Identitären‘ analysiert. Ines Aftenberger sieht hinter der strategischen Oberfläche der ‚Identitären‘ „nichts Anderes als die brutale Fratze eines Rassismus“, der, Thorsten Mense zufolge, in letzter Konsequenz auf „Ausgrenzung, Ausweisung oder Vernichtung“ hinausläuft. Elke Rajal wird in ihrer Analyse des Antisemitismus der ‚Identitären‘ „auf allen Ebenen – strukturell, codiert und offen“ fündig. Judith Goetz resümiert, dass bei den ‚Identitären‘ trotz der internen Widersprüchlichkeit der „Sexismus und Antifeminismus nicht weit sind, wenn der Männerbund unter sich ist.“ In ihrem zweiten Beitrag rekonstruiert und kritisiert sie die Rolle der österreichischen Medien beim Aufstieg der ‚Identitären‘ und zeigt alternative Umgangsformen auf. Zu guter Letzt widmet sich Jerome Trebing der „künstlerischen Huldigung der Barbarei“ in der neofaschistischen Vorliebe für Neofolk.

Die Autor*innen verweisen in ihren Analysen stets auf die Verankerung und den Ursprung der Ideologie der ‚Identitären‘ in der sogenannten ‚Mitte‘ der kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft. Denn, und darauf weist Thorsten Mense hin, auch wenn sich die ‚Identitären‘ als zu den herrschenden Zuständen antagonistisch stilisieren, so hat ihre „konformistische Rebellion“ letztlich die Verteidigung und Verschärfung des „autoritären und rassistischen ‚Status quo‘“ zum Ziel. Mense fasst zusammen, dass die ‚Identitären‘ an der „Neubegründung einer gesamteuropäischen faschistischen Bewegung“ arbeiten, welche die derzeitige gesellschaftliche Verrohung weiter auf die Spitze treiben will.

Insgesamt bietet der Sammelband einen umfassenden Überblick über die Ideologie, die hinter der popkulturellen und strategischen Fassade der ‚Identitären‘ steckt. Das Buch kann all jenen nahegelegt werden, die sich tiefergehend mit ‚identitären‘ und anderen historischen wie gegenwärtigen faschistischen Ideologien auseinandersetzen möchten.

 

 

Goetz, Judith; Sedlacek, Joseph Maria; Winkler, Alexander {Hg.} (2017): Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‚Identitären‘. 1. Auflage. Marta Press UG. Hamburg, Deutschland. Seiten: 434. Preis: 20,– EUR